Die Enwicklung der Textilindustrie

Fabrikantenvilla Haus Erlenbroich, („Villa Niedieck“), Lobberich, 19. Jh.
Weberhaus in Süchteln, 19. Jh.

Die Entwicklung der heimischen Textilindustrie als Facharbeitsthema in Geschichte

Da der Zeitpunkt der Themensuche für meine Facharbeit Ende 2006 in den Zeitraum fiel, in dem wir gerade im Geschichtsunterricht das Thema „Industrielle Revolution“ behandelt hatten, stellte sich mir die Frage, wie sich die mit der Industriellen Revolution verbundenen Veränderungen auf die heimische Industrie ausgewirkt haben. Nachdem ich mir zunächst einen groben Überblick  über die wirtschaftliche Entwicklung in der Region verschafft hatte, wurde mir schnell die besondere Bedeutung der Textilindustrie für meine Heimatregion klar. Aus diesen Vorüberlegungen ergab sich dann das konkrete Thema „Die Entwicklung der heimischen Textilindustrie unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen der industriellen Revolution“. Außerdem war es für mich auch ein „naheliegendes“ Thema: Ich wohne auf der Niedieckstraße (die nach einem der bedeutendsten Industriellen der heimischen Textilindustrie benannt ist) , und von meinem Zuhause aus habe ich den Blick auf  den alten, inzwischen ungenutzten Schornstein der Firma Niedieck.
Dann stellte sich die Frage, wie ich an ausreichende Informationen zu diesem speziellen Thema kommen sollte. Dabei war unter anderem eine ausführliche Sammlung von Heimatbüchern hilfreich, auf die ich im „Familien-Archiv“ gestoßen bin. Nun hieß es erst  einmal lesen und alles für das Thema Wichtige in Dateien sammeln, deren Inhalte anschließend zusammenführen, auswerten etc und um eigene Materialien wie z.B. Fotos ergänzen.
Ich habe dann mit der Schilderung der Situation der heimischen Textilindustrie vor Beginn der industriellen Revolution begonnen. Dabei spielte der Flachsanbau, die Flachsverabeitung und die daraus resultierende Leinenweberei eine bedeutende Rolle. Im 18. Jahrhundert war die Textilindustrie neben der Landwirtschaft  der wichtigste Wirtschaftszweig, und noch heute zeugen z.B. Straßennamen wie Bleichstraße,  Färberstraße und Weberfeld davon. Es gibt aber auch noch andere Spuren in der Kulturlandschaft,  auf die ich u.a. auch durch Internet-Hinweise gestoßen bin. So habe ich z.B. Flachskuhlen  (Wassergruben, in denen man den Flachs zur besseren Verarbeitung erst leicht verrotten ließ) gefunden, fotografiert und die Fotos zusammen mit einer Liste der Bodendenkmäler, in die diese Flachskuhlen aufgenommen worden sind, dem Anhang der Arbeit beigefügt.
Nach einem Überblick über die in der Mitte des 18. Jahrhunderts von England ausgehende „Industrielle Revolution“ im Allgemeinen habe ich dann beschrieben, wie sich die heimische Textilindustrie unter deren Einfluss entwickelt hat. Durch die Erfindung  neuer Maschinen wurde eine Massenfertigung von verschiedensten Produkten möglich. Die Grundlage für diese Maschinen war die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt 1769.  Für die niederrheinische Textilindustrie waren aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst die Manufakturen typisch  (sogenannte „vorindustrielle“ Fabriken ohne dampfangetriebene Fertigung). Importierte Baumwolle verdrängte zunehmend den Flachs als Rohstoff.
Mitte der 40er-Jahre kam es dann  zu einer Krise in der Baumwoll-verarbeitenden Textilindustrie und auch am Niederrhein breiteten sich Unruhen aus; die Weber forderten höhere Löhne und es kam zu Streiks und Aussperrungen. Die immer größer werdende Kluft zwischen reichen Textilfabrikanten und verarmenden Webern spiegelt sich auch in den beiden Fotos, die zu einer Fotoreihe aus dem Anhang der Facharbeit gehören, wider. Trotz dieser Schwierigkeiten blieb die Textilindustrie zu dieser Zeit die bedeutendste Branche für die Gemeinde. Bedeutende Fabrikantennamen aus dieser Zeit waren neben Niedieck auch de Ball und van der Upwich,  an die ebenfalls noch heute die entsprechenden Straßennamen erinnern.
1863 wurde dann bei Niedieck ein neuartiger, vollmechanischer Webstuhl  von einer „Lokomobile“, einer mobilen Dampf-Kraft-Maschine angetrieben. Bald liefen dort 120 solcher Webstühle, deren Geheimnis so gut gehütet wurde, dass man diese sogar nicht als ganze Webstühle, sondern bei verschiedenen Maschinenfabriken nur in einzelnen Teile bestellte, die dann  in Lobberich unter strenger Überwachung zusammenbebaut wurden.
Es gab immer mehr mechanische Werkstätten, wodurch auch Maschinen-fabriken und Eisengießereien entstanden. Zu diesem wirtschaftlichen Aufschwung trug auch die verbesserte Infrastruktur, insbesondere die 1868 fertiggestellte Eisenbahnstrecke Kempen-Lobberich bei.. „Motor“ dieser Entwicklung war die Textilindustrie, die ihre Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte.
In neuerer Zeit nun spielt die heimische Textilindustrie (wie auch  in ganz Europa)  nur noch eine untergeordnete Rolle. Durch die Konkurrenz billiger Importware aus Asien, wo durch Niedriglöhne viel billiger gefertigt werden kann, sind allein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ca. eine halbe Million Arbeitsplätze in der Textilindustrie verloren gegangen. Diese rückläufige Entwicklung betraf auch die heimische Textilindustrie. Nur durch Spezialisierung war es möglich, konkurrenzfähig zu bleiben. Ein Beispiel für eine solche Spezialisierung in Lobberich ist die Firma Longlife, vormals Cleven, deren Ursprünge bis in das 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Das mittelständische Unternehmen mit ca. 120 Mitarbeitern hat sich auf die Herstellung hochwertiger, textiler Bodenbeläge spezialisiert, die auch nach ganz Europa und sogar in den Nahen und Fernen Osten exportiert werden.-

 

Den meisten Textilfabriken ist eine solche Spezialisierung aber nicht gelungen, so dass sie heute aus dem Ortsbild verschwunden sind oder nur noch Industrie-Ruinen wie der Niedieck-Schornstein an sie erinnern. Als einzige der alteingesessenen Textilfirmen mit bekanntem Namen ist, neben Longlife, noch die Firma de Ball übrig geblieben, die heute – wie ich auf Nachfrage dort erfahren habe - aber ein reines Handelsunternehmen ist, das selbst keine Textilien mehr produziert. Damit ist der für die neuere Zeit typische Strukturwandel vom sekundären zum tertiären Sektor hier konsequent vollzogen worden.